Winterzeit ist Lesezeit: meine Buchtipps als Lebensarchivarin

Gemütliche Winterabende und gute Bücher gehören für mich zusammen.

Da der Winter noch nicht vorbei ist, stelle ich Ihnen nachfolgend fünf Bücher vor, die mich als Lebensarchivarin begleiten, begeistern und berühren.

Ein paar Gedanken zu meiner Buchauswahl

Die Bücher, die ich ausgewählt habe, behandeln im weitesten Sinne das große Feld der Erinnerungen, der Lebens- und Alltagsgeschichten, der Familien- und Ahnenforschung.

Vielleicht inspirieren die Lesetipps Sie dazu, die alten privaten Dokumente Ihrer Familie aus dem Verborgenen zu holen. Um sie zu sichten, zu sortieren oder zu lesen. Auch zwischen den Zeilen.

Gerade die handgeschriebenen Briefe, Tage-, Notiz- oder Kochbücher Ihrer Vorfahren und Vorfahrinnen sind wunderbare Quellen, die ganze Kapitel Ihrer Familiengeschichte erzählen können. Manchmal ermöglichen sie Ihnen sogar einen neuen, erweiterten und klareren Blick darauf.

Buchtipp Nr. 1

Harald Süß
Deutsche Handschrift – Lesen und Schreiben lernen
München 2002

Das Lehrbuch ist ein guter Begleiter, falls Sie „Auf den Spuren Ihrer Ahnen“ unterwegs sind.

Harald Süß macht Sie anhand von Schrifttafeln anschaulich mit den alten deutschen Handschriften vertraut. Was wichtig ist, da viele private oder offizielle Archivalien in einer dieser historischen Schriften verfasst sind. Etwa in Kurrent oder in Sütterlin.

Insbesondere die abgedruckten Originaltexte aus drei Jahrhunderten sind wunderbare Leseübungen. Sollten Sie beim Üben über ein Wort „stolpern“, finden Sie dessen „Übersetzung“ in den von Süß übertragenen „Lösungstexten“.

Möchten Sie tiefer in die altdeutschen Handschriften eintauchen, bringt Ihnen der Autor auch das Schreiben dieser Handschriften näher.

Buchtipp Nr. 2

Henning Sußebach
Anna oder: Was von einem Leben bleibt – Die Geschichte meiner Urgroßmutter
München 2025

Henning Sußebach nimmt uns mit in das Leben seiner Urgroßmutter Anna (1866-1932), die als junge Lehrerin in ein kleines sauerländisches Dorf kommt.

Es ist ein wundervolles Buch über eine „ganz normale“ und doch außergewöhnliche Frau! Es ist erzählte Lebensgeschichte und zugleich dokumentierte Zeitgeschichte.

Das Besondere und für mich Faszinierende daran ist, dass Sußebach zu Beginn seiner Spurensuche nur wenige Quellen und Relikte aus Annas Leben zur Verfügung standen.

Zu ihrem kleinen Nachlass zählen einige private Archivalien. Etwa vereinzelte Fotos, ein paar Notizbücher und Briefe und wenige offizielle Dokumente. Aber auch einige Gegenstände aus Annas Leben gehören dazu. Zum Beispiel ein Verlobungsring, ein Sticktuch sowie ein Kaffeeservice.

Darüber hinaus erinnerte sich Sußebach an kleine Geschichten, die in seiner Familie über Anna erzählt wurden.

Annas gibt es in jeder Familie. Sie sind uns vorausgegangen. Durch sein Buch ermutigt Sußebach uns, diese Annas zu entdecken. Um uns ihrer zu erinnern. Denn viel zu schnell haben wir ihre inspirierenden Lebensgeschichten vergessen.

Buchtipp Nr. 3

Reinhold Beckmann
Aenne und ihre Brüder – Die Geschichte meiner Mutter
Berlin 2023

Noch bevor sie stirbt, übergibt Aenne (1921-2019) ihrem Sohn Reinhold einen Schuhkarton. Gefüllt mit Feldpostbriefen.

Die Briefe, adressiert an Aenne, haben seine vier Onkel, ihre Brüder, im 2. Weltkrieg geschrieben. Franz, Hans, Alfons und Willi sind aus dem Krieg nicht zurückgekommen.

Auch ihre Eltern hat Aenne früh verloren. Ihr Leben ist von klein auf von Verlusten und Schicksalsschlägen geprägt. Anders als viele Männer und Frauen ihrer Generation spricht sie offen darüber. Ebenso wie sie die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges in einem kleinen, katholischen Dorf erlebt hat.

Basierend auf den Gesprächen mit seiner Mutter erzählt Reinhold Beckmann einfühlsam und gut recherchiert ihre Geschichte.

Vor allem berührt mich, dass er die alten Briefe ihrer Brüder in die Erzählung mit aufgenommen hat. Denn damit verleiht er auch seinen Onkeln eine Stimme. Durch die abgebildeten Familienfotos gibt er den fünf Geschwistern ein Gesicht.

Buchtipp Nr. 4

Susanne Abel
Stay away from Gretchen – Eine unmögliche Liebe
München 2021

Bei meinem 4. Lesetipp handelt es sich um einen Roman. Falls Sie ihn noch nicht gelesen haben, lade ich Sie ein, den bekannten Nachrichtenmoderator Tom und seine Mutter Greta kennenzulernen. Feinfühlig erzählt Susanne Abel deren bewegende Geschichte auf zwei Zeitebenen.

Als Greta an Demenz erkrankt, nähert Tom sich seiner Mutter zunehmend an. Jetzt, wo sie mehr und mehr vergisst, erinnert sie sich. Erstmals erzählt Greta ihrem Sohn von ihrer Kindheit in Ostpreußen, ihrer Flucht vor der Roten Armee und dem Neuanfang im Westen. Im besetzten Heidelberg.

Als Tom schließlich einen Karton mit alten Briefen und Fotos aus der Nachkriegszeit entdeckt, stößt er auf ein lang gehütetes Familiengeheimnis.

Abels Roman habe ich in einem Rutsch gelesen. Berührend und spannend thematisiert sie die Besatzungszeit Westdeutschlands nach dem 2. Weltkrieg. Dabei blickt sie auf ein Stück deutsche Nachkriegsgeschichte, das mir bis dato beinahe unbekannt war.

Buchtipp Nr. 5

Gabriele Schmenkel
Leichte Küche aus schweren Zeiten – Originale Rezepte aus der Nachkriegszeit
Daun 2023

Als Gabriele Schmenkel im Nachlass ihrer Großeltern ein kleines altes Heft entdeckt, sind ihr Forschergeist und ihre Experimentierfreude geweckt. Das Heft enthält in Sütterlin notierte Rezepte. Um die Rezepte lesen und vor allem ausprobieren zu können, erlernt sie diese historische Handschrift.

Das Heft gehörte ihrem Großvater, einem begeisterten Hobbykoch und -bäcker. Zum Ende des 2. Weltkrieges war er mit seiner Familie aus dem Sudetenland nach Westdeutschland geflohen.

Aus Verbundenheit zu seiner Heimat hielt er von 1946 bis 1948 eine große Anzahl, meist sudetendeutscher Back- und Kochrezepte in dem Heftchen fest. Das Besondere daran ist, dass er die Rezepte aufgrund der damaligen Lebensmittelknappheit entsprechend abwandelte. Er entwickelte also Alternativrezepte. Quasi aus der Not geboren.

Die, wie ich finde, sehr lecker sind. Einige habe ich bereits ausprobiert. Denn Schmenkel hat mehr als hundert in ihrem Buch veröffentlicht. Gerne nehme ich ihr Buch zur Hand. Um mich im Rezeptteil kulinarisch inspirieren zu lassen.

Aber auch, um in die Geschichte einzutauchen, die sich hinter dem kleinen alten Rezeptheft verbirgt. Schmenkel erzählt von ihrer Familie mütterlicherseits, die aus dem Sudetenland stammt. Und sie schildert die historischen Umstände, die schließlich dazu führten, dass ihr Großvater das kleine Rezeptheft anlegte.

Das Rezeptheftchen ist ein gutes Beispiel dafür, dass private Archivalien oftmals Zeugnisse sind, die Familien- und Zeitgeschichte vereinen.

Gabriele Schmenkel hat ein wunderbares Buch gestaltet, das mehr ist als ein Back- und Kochbuch. Sie selbst sagt dazu im Vorwort auf Seite 7, es enthalte

„Rezepte und Geschichte. Geschichte, die durch den Magen geht.“

Mit dieser treffenden Aussage beende ich den letzten meiner fünf Buchtipps, die ich Ihnen als Lebensarchivarin gegeben habe.

Noch mehr Tipps

In allen vorgestellten Büchern finden Sie wertvolle, weiterführende Literaturlisten. Ausgenommen davon ist das Buch von Henning Sußebach.

Erwähnen möchte ich schließlich, dass Reinhold Beckmann seiner Mutter und seinen Onkeln den berührenden Song „VIER BRÜDER“ gewidmet hat. Mit dem Song erinnert er an ihre Geschichte.

Den Text können Sie am Ende seines Buches nachlesen. 2021 hat er den Song mit seiner Band „Reinhold Beckmann und Band“ eingespielt. Das Video dazu können Sie sich auf YouTube anschauen.

Als Lebensarchivarin an Ihrer Seite

Ich freue mich, wenn Sie, angeregt durch die fünf Tipps, eines der Bücher lesen!

Vielleicht möchten Sie danach auf ihre ureigene Erinnerungsreise gehen. Falls Sie auf Ihrer familiären Spurensuche eine Begleiterin wünschen, sprechen Sie mich gerne an. Ich begleite und unterstütze Sie gerne.

Ihre Kirsten Ulrike Maaß

 

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