
Spurensuche: alte Briefe voller verborgener Geschichten
Im letzten Blogartikel habe ich eine kleine Geschichte erzählt, die mich mit meinem Großvater Berthold verbindet. Darin ließ ich ihn selbst zu Wort kommen, indem ich aus einem Brief zitierte, den er vor langer Zeit in Sütterlin geschrieben hatte.
Dieser Brief ist einer von vielen gesammelten alten Briefen und alten Postkarten, die aus dem persönlichen Nachlass meiner Mutter stammen.
Als Lebensarchivarin unserer Familie bewahre ich diese Brief- und Postkartensammlung für meine und die nach uns kommenden Generationen auf. Ich bin mir ihres Wertes bewusst, denn sie trägt mit ihren darin erzählten Geschichten neben Stammbaum und Ahnentafel zum Gedächtnis unserer Familie bei.
So spreche ich heute einleitend über alte private Dokumente im Allgemeinen und anschließend über die Bedeutung alter Briefe als persönliche Zeitzeugnisse im Besonderen. Danach erzähle ich anschaulich, wie ich durch die oben erwähnte Brief- und Postkartensammlung meine unbekannte Familie kennenlernte.
Alte private Dokumente – wertvolle Wegweiser auf unserer familiären Spurensuche
In vielen Haushalten schlummern sie im Verborgenen. Und zwar in einem größeren Umfang, als ich noch vor ein paar Jahren annahm. Ich spreche von alten Tagebüchern, Poesiealben, Kochbüchern, Notizbüchern, Briefen oder Postkarten, die unsere Vorfahren aus der Aktualität des Alltags selbst geschrieben haben.
Hervorgeholt werden sie insbesondere dann, wenn sich deren jetzige Besitzer und Besitzerinnen auf Spurensuche ihrer Familiengeschichte begeben.
Begreifen, lesen und vergangene Welten entdecken
Und das ist gut. Indem wir diese privaten Dokumente bewusst und achtsam in die Hand nehmen, spüren wir wortwörtlich, dass hinter bereits bekannten Vor- und Nachnamen, ermittelten Geburts-, Tauf-, Hochzeits- oder Sterbedaten Menschen stehen. Etwa unserer Groß-, Urgroß- oder sogar Ururgroßeltern.
Wenn wir diese historischen Quellen schließlich lesen, bekommen wir zusätzlich einen Eindruck von den Lebens-, Arbeits-, Gedanken- und Gefühlswelten unserer Vorfahren.
Je vielfältiger der Bestand, desto vielschichtiger die Geschichte
Möglicherweise bestätigen, ergänzen, differenzieren oder korrigieren die neu gewonnenen Kenntnisse jene Geschichten, die in unseren Familien erinnert, erzählt und von Generation zu Generation bis heute weitergegeben werden.
In jedem Fall stellen sie eine wertvolle Ergänzung zu Daten und Fakten aus Kirchenbüchern, Urkunden, Zeugnissen etc. dar. Fest steht: Je vielschichtiger und umfangreicher die Quellenlage ist, desto vielschichtiger, umfangreicher und lebendiger wird das Bild, das wir von unserer Familie und ihrer Geschichte zeichnen.
Alte private Briefe – wertvolle persönliche Zeitzeugnisse
Irgendwann ist der Moment da. Jetzt sind wir bereit, zu erfahren, was es mit den alten privaten Briefen auf sich hat, die irgendwann auf irgendeinem Wege zu uns gekommen sind. Für irgendwen aus unserer Familie waren sie von solch großer Bedeutung, dass er oder sie die Briefe aufgehoben, gesammelt und vielleicht sogar bewusst weitergegeben hat.
Zu Zeiten, in denen Telefonieren nicht bekannt oder noch sehr teuer war, war das Schreiben von Briefen „das“ Mittel, um über kürzere und längere Distanzen hinweg in Kontakt mit einer bestimmten Person zu treten.
Wer, wann, von wo, an wen … erste Daten erheben
Die auf dem Briefbogen notierte Anrede, die Orts- und Datumsangabe sowie die Unterschrift geben uns Auskunft darüber, welcher unserer Vorfahren einen Brief wann, wo und an wen verfasst hat.
Falls die dazugehörenden Briefumschläge existieren, liefern sie uns in der Regel erweiterte Informationen zu Namen und Adressen beider darauf genannten Personen.
Achtsam lesen
Verfasser bzw. Verfasserin brachten beim Briefschreiben ihre Anliegen und Gedanken zu Papier. Vielleicht ergab sich überdies ein Briefwechsel mit dem Empfänger bzw. der Empfängerin.
Zudem bot ihnen das Briefgeheimnis einen geschützten Raum. Das heißt, sie konnten frei und offen ihre Meinungen, Haltungen, Eindrücke und Gefühle äußern. Vielleicht hätten sie dies im Beisein Dritter oder auf einer offen zu lesenden Postkarte nicht getan.
Umso respektvoller sollte unsere Haltung sein, wenn wir ihre Briefe heute lesen und ihren Worten, Gesprächen und Geschichten indirekt lauschen.
Das Geschriebene einordnen
Was sie sagten oder nicht sagten, hing u. a. auch davon ab, in welcher Beziehung die Menschen zueinanderstanden, die die Briefe geschrieben und empfangen haben. Ebenso zu beachten sind Alter, Geschlecht, soziale Herkunft usw. Und wir dürfen nicht vergessen: Briefschreiber und Briefschreiberin sind „Kinder ihrer Zeit“. Wenn wir ihre Briefe lesen, sollten wir sowohl das „Wie“ als auch das, „was“ sie geschrieben haben, in den historischen Kontext einordnen.
Zwischen den Zeilen lesen
Schließlich: Tauchen wir ein in die alten Briefe voller erzählter Geschichten. Entdecken wir, was unsere Vorfahren vordergründig sowie zwischen den Zeilen geschrieben haben. Wenn wir hinein- oder nachspüren, was sie beschäftigte, bewegte, freute oder schmerzte, kommen wir ihnen ein wenig näher.
Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage: Alte private Briefe sind eine wundervolle und aussagekräftige Quelle, wenn wir auf den Spuren unserer Familie unterwegs sind.
Eine private Brief- und Postkartensammlung aus dem Nachlass meiner Mutter
Als ich zu Beginn der 2020er Jahre die eingangs erwähnte Brief- und Postkartensammlung im Nachlass meiner Mutter entdeckte, wusste ich augenblicklich, dass ich ein Kapitel ihrer und somit auch meiner Familiengeschichte in den Händen hielt.
Die zwischen 1945 und 1948 verfassten alten Briefe und Karten müssen für sie von großer Bedeutung gewesen sein. Denn als Letzte ihrer Herkunftsfamilie hat sie die Sammlung übernommen und bis zu ihrem Tod bewahrt. Dabei kann ich mich nicht erinnern, dass wir jemals darüber gesprochen haben.
Darf ich die Briefe und Karten meiner verstorbenen Vorfahren lesen?
Und so fragte ich mich beim Archivieren der Schriftstücke, ob sie sich wünschte oder hoffte, dass wir, ihre Nachkommen, diese Briefe und Karten irgendwann lesen würden. Um dadurch vielleicht etwas zu erfahren, was sie uns zu Lebzeiten in dieser Direktheit und Unmittelbarkeit nicht hat mitteilen können: Weder im direkten Gespräch noch in ihren verschriftlichten „Erinnerungen“, die sie uns Kindern zu Beginn der 2000er Jahre geschenkt hatte.
Meine Urgroßmutter, meine Großeltern, meine Mutter, mein Onkel und meine Tante waren bereits verstorben. Somit entschied ich, ohne ihre Zustimmung, ihre Briefe und Karten zu lesen.
Mehr als 70 Jahre später dürfte es möglich sein, die Sammlung aus dem Verborgenen zu holen und Licht auf die Vergangenheit fallen zu lassen. Eine Vergangenheit, die mich als Enkelin, Nichte und Tochter einer pommerschen Flüchtlingsfamilie, aber auch als Deutsche, Europäerin und Weltbürgerin interessierte.
Flucht ist auch ein Kapitel meiner Familiengeschichte.
Im Januar 1945 war meine Mutter mit ihrer Familie aus Pommern geflohen. Im Mai 1945 erreichten sie Schleswig-Holstein. Sie waren zu sechst aufgebrochen und kamen zu fünft an. Friederike, meine Urgroßmutter, war auf einem Bauernhof in Vorpommern geblieben.
Meine Großeltern Berthold und Hedwig wollten Friederike zu sich holen, sobald die Zeiten besser wären und sie eine Wohnung und Arbeit gefunden hätten. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen und die Zusammenführung der Familie bewahrheitete sich nicht. Das Leben, die damaligen Umstände, ließen es nicht zu.
Voneinander getrennt und über das Schreiben verbunden
Einzig das Schreiben von Briefen und Postkarten blieb der Familie, um in Kontakt und einander nahe zu sein.
Ob bewusst oder unbewusst, sicherlich half ihnen das Schreiben, das Geschehene zu verarbeiten, das Unbegreifliche begreifbar zu machen. Indem sie einander schrieben, drückten sie sehr individuell ihren Schmerz, ihre Not, ihre Angst aus, erzählten aber auch von ihrer Hoffnung, ihrer Zuversicht und ihren Freuden.
Zeugnisse eines Alltags als Flüchtlinge – individuell erzählt
Nachdem sie durch Krieg und Flucht ihre Heimat, ihr Zuhause und ihren Besitz verloren hatten, sind ihre Briefe und Karten Zeichen dafür, dass sie überlebt hatten. Es handelt sich um sehr persönliche, beinahe intime Aufzeichnungen.
Zugleich sind die alten Briefe und Karten meiner Familie wertvolle Zeitzeugnisse, in denen sie ihre Lebensumstände als Flüchtlinge in den ersten Jahren nach dem von Deutschland ausgegangenen Zweiten Weltkrieg schildern. Dabei stehen ihre persönlich gefärbten Berichte beispielhaft für die vielen Schicksale geflüchteter Menschen von damals und ein wenig auch von heute.
Das Lesen der Briefe und Postkarten hat mich tief berührt. Ich bin dadurch meinen familiären Wurzeln nähergekommen und habe einen kleinen, sehr persönlichen Blick auf ein Kapitel unserer Nachkriegsgeschichte werfen dürfen.
42 alte Briefe, 39 alte Postkarten, 1 „Lebensbüchlein“
Die Brief- und Postkartensammlung aus dem Nachlass meiner Mutter habe ich digitalisiert, kommentiert und zusammen mit privaten Fotos aus alten Familienalben in einem kleinen Büchlein herausgegeben. Für meine Geschwister, für mich und die nach uns folgenden Familienmitglieder. Auf diese Weisekönnen wir uns einem wichtigen und prägenden Kapitel unserer Familiengeschichte nähern und aussöhnen.
Das Büchlein trägt den Titel „Trotz allem wollen wir an die Zukunft glauben“. Ein Titel, der hoffnungsvoll klingt, Mut macht und Zuversicht weckt, auch wenn die aktuelle Situation alles andere als leicht ist.
Mein Großvater Berthold hat genau diese Worte am 28. November 1945 in einem seiner Briefe an seine Mutter, meine Urgroßmutter Friederike, geschrieben. Seine Worte begleiten und verbinden mich einmal mehr mit ihm: Meinem Großvater, den ich erst viele Jahrzehnte nach seinem Tod durch das Lesen seiner Briefe ein wenig kennenlernte.
Gehen wir gemeinsam auf Spurensuche.
Falls auch Sie wie ich mehr über die Geschichte Ihrer Familie erfahren möchten, begleite ich Sie gerne auf Ihrer Spurensuche. Als Lebensarchivarin unterstütze ich Sie beim Archivieren alter privater Dokumente, die darauf warten, gesichtet, erfasst und gelesen zu werden.
Sollten Sie die Schriftstücke nicht leicht lesen können, da sie von ihren Vorfahren in einer alten deutschen Handschrift wie dem Kurrent oder dem Sütterlin verfasst wurden, „übersetze“ ich sie gerne für Sie in unsere heutige Schrift.
Wenn Sie wünschen, gestalte ich mit Ihnen aus den übersetzten, digitalisierten Dokumenten, den darin erzählten Geschichten sowie den neu gewonnenen und bereits bekannten Kenntnissen ein einzigartiges „Lebensbuch“.
Was für ein besonderes, persönliches Geschenk, das Sie sich selbst oder Ihrer Familie damit bereiten. Anlässe, solch ein Buch zu verschenken, gibt es viele. Und ebenso viele Gründe, es zu tun. Auch wenn es schmerzhafte Momente geben wird, tut es gut, ist es spannend und interessant, aber auch tröstlich und heilsam, die eigenen familiären Wurzeln kennenzulernen.
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