
Unser Erzählcafé: „Vorbeikommen. Zuhören. Erinnern. Erzählen.“
„Wir haben Dich vermisst! Geht es Dir gut?“ Ich wusste nicht, was Karola genau meinte! Wer hatte mich vermisst? Und warum sollte es mir nicht gut gehen?
Also fragte ich Karola, was sie meinte. Darauf antwortete sie, dass ich nicht bei „unserem“ letzten Erzählcafé gewesen sei.
Ich war sprachlos. Umso mehr, als ich immer dabei bin. Ich hatte mir tatsächlich einen falschen Termin notiert!
Ich hielt einen Moment inne. Um zu reflektieren, was ich gerade fühlte. Es war Traurigkeit! Ich war tatsächlich traurig darüber, dass ich das Café verpasst hatte.
Das fand ich wiederum interessant! Denn die Traurigkeit zeigte mir unmittelbar, wie viel mir „unser“ Erzählcafé bedeutet. Damit war die Idee für diesen Blogartikel geboren.
Begeisterte Lebensarchivarin, begeisterte Erzählcafébesucherin
Wie Sie wissen, liebe ich Menschen und ihre Geschichten! Diese Liebe motiviert mich, als Lebensarchivarin zu arbeiten und zugleich als Kirsten Maaß ein Erzählcafé zu besuchen.
Daher erlaube ich mir, meine Begeisterung als Erzählcafébesucherin mit Ihnen auf meinem Lebensarchivarin-Blog zu teilen. Ich freue mich darauf, Ihnen zu erzählen:
- was mich veranlasste und bewegte, mein erstes Erzählcafé zu besuchen,
- was „unser“ Erzählcafé ausmacht,
- wie ich die Erzählcafébesuche erlebe,
- und warum ich immer wieder gerne in „unserem“ Erzählcafé vorbeischaue.
Wenn ich von „unserem“ Erzählcafé bzw. dem Erzählcafé spreche, meine ich konkret das Erzählcafé, das die Bücherei Bardowick im Nicolaihof veranstaltet.
Eine Einladung, die mein Interesse weckte
Im Frühsommer 2022 hielt ich einen Flyer der Bücherei Bardowick in den Händen. Unter dem Motto „Vorbeikommen. Zuhören. Erinnern. Erzählen.“ lud die Bücherei zu einem Erzählcafé ein. Sofort war mein Interesse geweckt.
Menschen und ihre Geschichten
Denn wie bereits oben erwähnt, liebe ich Menschen und ihre Geschichten. Gerne höre ich zu, wenn sich jemand erinnert und aus seinem Leben berichtet. Immer wieder erfahre ich, dass jeder Mensch mindestens eine Geschichte zu erzählen hat, die es wert ist, erinnert, gehört und bewahrt zu werden.
Unsere Leben bestehen aus unendlich vielen Kapiteln und Unterkapiteln. Die „eine“ große Lebensgeschichte kann genauso spannend sein wie die kleine Geschichte, die von einem besonderen Lebensmoment handelt.
Manchmal erkennen wir die Tiefe, die Tragik, den Schmerz, den Humor, die Freude, die Schönheit dieser Geschichten nicht augenblicklich. Manchmal verstehen wir erst im Nachhinein. Dann, wenn wir uns erinnern.
Und ja, richtig. Manchmal brauchen wir Mut und Bereitschaft, uns zu erinnern und das Erinnerte auszusprechen. Bestenfalls gibt es dann ein Gegenüber. Jemanden, der oder die uns aufmerksam zuhört. Sowie einen vertrauensvollen Raum, in dem solch eine Begegnung möglich ist.
Ich nehme die Einladung an
Über all das dachte ich nach. Ein Erzählcafé schien ein Ort zu sein, an dem ich auf das treffen würde, was mich seit jeher bewegt. Diesen mir unbekannten Ort wollte ich kennenlernen.
Daher meldete ich mich für mein erstes Erzählcafé an. Das Thema des Vormittags lautete „Von der Kreidetafel bis zum Laptop – Schulzeit früher und heute“. Interessant! Am 22. Juni 2022 war es so weit!
Rückblickend schmunzele ich darüber, dass ich damals das Erzählcafé als, sagen wir, „Teilnehmende Beobachterin“ betrat. Denn schon nach wenigen Minuten legte ich diese Rolle ab. Anders als geplant war ich mitten im Geschehen: Ich war vorbeigekommen, hörte zu, erinnerte mich und erzählte. Wie faszinierend!
Meine Faszination hält bis heute, unzählige Erzählcafé-Besuche später, an.
Das Erzählcafé der Bücherei Bardowick im Nicolaihof
Einmal im Monat verwandelt sich der helle, lichtdurchflutete „Lesegarten“ der Bardowicker Bücherei in ein Erzählcafé. In der Mitte des Stuhlkreises stimmt ein liebevoll dekoriertes Tischchen auf das Thema des Vormittags ein.
Erzählcafé-Themen
Die Themenauswahl ist so vielfältig wie das Leben selbst. Jahreszeitliche Themen und solche zum Jahreskreis wechseln mit Alltagsthemen und Themen zu einzelnen Lebensabschnitten. Allen Themen ist gemein, dass sie den Blick auf das Gestern, aber auch auf das Heute und das Morgen miteinschließen.
Gerne gebe ich ein paar Beispiele vergangener Themen:
- „Leuchtende Sommerzeit – Blumen, Licht und Mittsommer“
- „Weihnachten und Heiligabend in meiner Kindheit“
- „Einkaufen – vom Tante-Emma-Laden bis zum Online-Shopping“
- „Lebenstile – meine 50er, 60er und 70er Jahre“
Lediglich Politik und Krankheit stehen nicht auf der Themenliste, was allseits gewünscht ist.
Ein wiederkehrendes Willkommensritual
Erst nachdem die Leiterin Ursula Schwanitz-Roth und eine Mitarbeiterin der Bücherei, Elke Reers bzw. Pia Hambrok, uns herzlichst begrüßt und mit Kaffee oder Tee versorgt haben, startet das Erzählcafé. Was dann passiert, erstaunt mich stets aufs Neue.
Das Erzählcafé beginnt
Zur Einstimmung liest unsere Moderatorin Christina Kassner einen kleinen Text vor. Bilder tauchen vor meinen geistigen Augen auf. Ich spüre ihnen nach, erinnere mich.
Von Erinnerung zu Erinnerung zu Erinnerung
Kurz darauf teilt bereits eine meiner „Erzählcaféschwestern“ eine kleine Geschichte, die Christinas Worte in ihr geweckt haben. Immer mehr „Erzählcaféschwestern“ melden sich zu Wort. Gespannt lausche ich ihnen. Eine Erinnerung ruft die nächste hervor.
Und dann bin auch ich bereit. Einem inneren Impuls folgend erzähle ich aus meinem Leben. Diesmal sind es die anderen, die mir zuhören. Es fühlt sich gut an, gehört zu werden. So gut, dass ich mich nicht entscheiden kann, was mir besser gefällt: Zuhören oder Erzählen? Oder doch Erinnern? Ich kann mich nicht entscheiden. Also genieße ich weiter unseren regen und lebhaften Austausch.
Unsere Moderatorin
Aufmerksam achtet unsere Moderatorin Christina darauf, dass wir nacheinander sprechen und uns gegenseitig ausreden lassen.
Vor allem aber lässt sie uns den Raum, das zu sagen, was in diesem Moment gesagt werden möchte. Erinnerungs- und Erzählräume entstehen. Nur manchmal, wenn wir zu weit in Nebenschauplätze abschweifen, holt sie uns zum Thema zurück.
„Erzählcaféschwestern“
Bei einer Gruppengröße von 15 Personen haben wir alle die Möglichkeit, zu Wort zu kommen. Interessanterweise nehmen bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich Frauen an dem „Erzählcafé“ teil.
Wir alle befinden uns in der zweiten Lebenshälfte. Wir sind Kinder der 1940er, 1950er, 1960er, 1970er Jahre. Wir sind zu unterschiedlichen Zeiten groß geworden und die unterschiedlichsten Lebenswege gegangen. Was für eine große Vielfalt gelebter Erfahrungen wir mitbringen!
Erfahrungen, die wir in unseren Erinnerungen bewahren und im Bardowicker Erzählcafé miteinander teilen. Da wir einander schätzen, werden wir durchaus persönlich, aber nicht zu privat. Das schafft einen vertrauensvollen Raum.
Wo ist nur die Zeit geblieben?
Eineinhalb Stunden vergehen wie im Fluge. Das Erzählcafé ist vorbei. Dankbar für das Erlebte verabschieden wir uns bei Christina, dem Büchereiteam und untereinander.
Gerne füttern wir das leuchtend rote Sparschwein mit einer Spende. Als Zeichen unserer Dankbarkeit und Wertschätzung für das gerade Erlebte.
Mit einem wohligen Gefühl von Zufriedenheit gehe ich nach Hause und freue mich, beim nächsten Erzählcafé dabei zu sein.
Warum ich mich heute schon auf das nächste Mal freue
Seit mehr als drei Jahren komme ich immer wieder gerne im Bardowicker Erzählcafé vorbei.
Es ist das stimmige Gesamtkonzept von gemeinschaftlichem Erinnern, Zuhören und Erzählen, das mich überzeugt. Das lässt mich das Café in Vorfreude betreten und in Dankbarkeit verlassen.
Selbstverständlich sind es auch die Menschen, die mit Herz, Begeisterung, Engagement und Können das Erzählcafé vorbereiten und durchführen.
Vor allem aber sind es die unvorhergesehenen Aha-Momente, die mich staunen lassen. Dann, wenn eine meiner „Erzählcaféschwestern“ sich öffnet und aus ihrem Leben erzählt.
Dann, wenn ihre Worte mich unverhofft berühren und bewegen. Von diesen Momenten gibt es viele.
Manchmal ertappe ich mich in diesen Momenten, wie ich einem kurz aufblitzenden Gedanken folge:„Ja. Es stimmt! Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen, die es wert ist, erinnert und gehört zu werden.“ Davon bin ich nach wie vor fest überzeugt, denn ich erlebe es im Erzählcafé immer wieder.
Ein Lesetipp
Übrigens bestätigt der Blogartikel „Im Erzählcafé: Ein besonders schöner Moment in meinem Leben“ aus dem Juli 2024 meine Überzeugung auf das Schönste.
Ebenso ist der Artikel ein Ausdruck dafür, wie sehr ich meine „Erzählcaféschwestern“ und unsere vertrauensvolle Gemeinschaft wertschätze.
Statt meines Schlusswortes
Karola brachte es zum Ende unseres letzten Erzählcafés kurz und knapp auf den Punkt:„Ich möchte Euch noch etwas mitgeben: Wir sind starke Frauen!“Und Karin ergänzte:„Ich stimme Dir zu. Wir sind starke Frauen. Frauen, die viel erlebt und vielleicht manches sogar überlebt haben. Das fasziniert, beeindruckt und berührt mich. Danke für Euer Vertrauen.“
Nach dem Erzählcafé ist vor dem Erzählcafé
Falls Sie an dem Bardowicker Erzählcafé teilnehmen möchten, habe ich Ihnen die wichtigsten Informationen zusammengestellt.
„Unser“ Erzählcafé – kurz & knapp:
- Ort: Bücherei Bardowick im Nikolaihof, St. Nicolaihof 19f in 21357 Bardowick
- Wann: montags, 10.00–11.30 Uhr, die kommenden Termine bitte in der Bücherei erfragen
- Anmeldung: erforderlich
- Telefon: 04131-921 522
- E-Mail: buecherei@bardowick.de
Die Teilnahme am Erzählcafé ist kostenfrei. Das Büchereiteam freut sich über Spenden.
Das nächste Erzählcafé der Bücherei Bardowick findet am 20. April 2026 statt. Thema des Vormittags ist: „Die Musik meines Lebens. Musik, die in meinem Leben eine besondere Bedeutung hat.“
Ich würde mich freuen, wenn wir uns dort treffen. Falls Sie vorab oder ganz allgemein Fragen zum Erzählcafé haben, sprechen Sie mich gerne an.
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