
Wenn Erinnerungen auf Archivalien treffen: Alte Dokumente erzählen mit
Als Lebensarchivarin weiß ich: Sich zu erinnern und über das Erinnerte zu erzählen, sind tiefe menschliche Bedürfnisse.
Ein ebenso tiefes Bedürfnis ist der Wunsch, die eigenen familiären Wurzeln kennenzulernen. Auch das erlebe ich immer wieder in meinem Arbeitsalltag.
Manchmal will es der glückliche Zufall, dass sich alle diese Bedürfnisse einander begegnen.
Dann, wenn wir auf unserer Ahnenforschungsreise beispielsweise eine „alte Kladde“ voller Lebenserinnerungen entdecken. Erinnerungen, die vielleicht ein Vorfahr oder eine Vorfahrin darin niedergeschrieben hat.
Und nicht nur das. Besonders spannend wird es, wenn wir neben der „alten Kladde“ weitere private Archivalien finden, die auf irgendeine Weise mit dem Schreiber oder der Schreiberin in Zusammenhang stehen.
Genau darum geht es in meinem heutigen Lebensarchivarin-Blogartikel. Also um das Zusammenspiel von Erinnerungen und Archivalien auf unserer familiären Spurensuche.
Worauf Sie gespannt sein dürfen
In diesem Artikel zeige ich
- am Beispiel der Lebenserinnerungen meiner Mutter konkret auf
- wie bereichernd das Lesen solcher Erinnerungen sein kann,
- wenn wir zusätzlich private Archivalien hinzuziehen können.
- Oder anders ausgedrückt: Wenn alte Dokumente miterzählen!
Noch ein Tipp
Wenn Sie sich vorab über die Begriffe Lebenserinnerungen oder private Archivalien informieren möchten, dann empfehle ich Ihnen den Blogartikel „Von Lebenserinnerungen bis Archivalien. Begriffe einfach erklärt.“ zu lesen.
Wenn Lebenserinnerungen auf einen schriftlichen Nachlass treffen
Meine Eltern, insbesondere meine Mutter, haben uns, ihren Nachkommen, eine umfangreiche Sammlung alter Dokumente für unser Familienarchiv hinterlassen.
Wie wertvoll diese privaten Archivalien für die Aufarbeitung unserer Familiengeschichte sind, erfuhr ich eindrücklich, als ich mich intensiv mit den Lebenserinnerungen meiner Mutter beschäftigte.
Ein besonderes Weihnachtsgeschenk
Anfang der 2000er Jahre machte meine Mutter Inge uns Geschwistern ein besonderes Weihnachtsgeschenk.
Damals überreichte sie jedem von uns ein einfach gebundenes Spiralheft im DIN-A4-Format. Unter dem gleichnamigen Titel hatte sie darin auf 25 computerbeschriebenen Seiten ihre „Erinnerungen“ festgehalten.
Grundlage war ein Manuskript meiner Mutter, das meine Cousine Frauke für sie transkribiert und digitalisiert hatte.
Eine Reise in eine vergangene Zeit
Bildhaft erzählt meine Mutter in ihren Lebenserinnerungen von ihrer Kindheit und Jugend in Pommern, ihrer Flucht zum Ende des Zweiten Weltkriegs nach Schleswig-Holstein. Ihrem dortigen Erwachsenwerden als Flüchtlingsmädchen. Und schließlich von ihrem Ankommen als junge Ehefrau und Mutter in Westfalen.
Eine Bitte
Über diese frühen Lebensstationen meiner Mutter wussten wir bis dato wenig. Genau gesagt, zu wenig. Meine Schwester Sabine bat sie schließlich darum, sich für uns zu erinnern. Tatsächlich kam meine Mutter dieser Bitte nach.
Zu diesem Zeitpunkt war meine Mutter in ihren frühen Siebzigern. Vielleicht war es auch für sie Zeit, sich zu erinnern. Also an eine Zeit ihres Lebens, über die sie mit uns Kindern wenig gesprochen hat und die uns beinahe unbekannt war.
Wer war meine Mutter?
2020 ist meine Mutter verstorben. Nach ihrem Tod wurde mir einmal mehr schmerzhaft bewusst, wie wenig ich über ihr frühes Leben wusste: ihre Kindheit, ihre Jugend, die Welt, in der sie aufgewachsen war.
Daher nahm ich das Spiralheft mit ihren „Erinnerungen“ bewusst zur Hand. Bevor ich es aufschlug, fiel mein Blick auf das Schwarzweiß-Foto, das meine Mutter für die Titelseite ausgewählt hatte.
Ein Foto
Es zeigt meine Mutter Inge als sechsjähriges Mädchen – umgeben von ihren Geschwistern Werner, Wilfried und Brigitte sowie ihren Eltern Berthold und Hedwig. Berthold, ein begeisterter Hobbyfotograf, hatte das Bild 1936 in ihrem großen Garten in Schneidemühl aufgenommen.
Wie so oft hatte sich die Familie feingemacht. Die Kinder sitzen auf dem Rand des Sandkastens, während die Eltern dahinterstehen. Im Hintergrund befindet sich das Gartenhäuschen. Davor ist der Sonnenschirm aufgespannt. Unter ihm ist bereits der Tisch für den Sonntagskaffee eingedeckt.
Ich tauchte in diese Szene ein. Mir schien, als hätten sie einen luftig-leichten Sommersonntag zusammen verbracht: damals im pommerschen Schneidemühl, das heute Piła heißt und in Polen liegt.
Eine Einladung
Gefühlt lud mich dieses Foto Jahre später erneut dazu ein, die „Erinnerungen“ meiner Mutter zu lesen. Was ich wieder und wieder tat. Denn ich wollte mehr über ihr damaliges Leben und das ihrer Herkunftsfamilie erfahren.
Denn alle, die ich danach hätte fragen können, die auf diesem Foto abgebildet sind, waren nicht mehr am Leben.
Zwei Fragen
Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, fragte ich mich umso mehr: „Woher komme ich? Wo liegen meine Wurzeln mütterlicherseits?“
Noch mehr Fragen
Mir war klar, dass die „Erinnerungen“ bereits 50, 60 Jahre zurücklagen, als Inge sie zu Papier brachte. Zudem hatte sie diese aus einer sehr persönlichen Perspektive erzählt – und so kamen neue Fragen in mir auf:
„Konnte sich Mama tatsächlich an so viele Einzelheiten erinnern? Oder sind es z. T. auch kleine Anekdoten, die ihre Eltern oder älteren Brüder ihr später erzählt haben? Und wie würden wiederum diese das Erlebte aus ihrer jeweiligen Sicht schildern?“
Alte Dokumente erzählen mit
In dieser Zeit sichtete und ordnete ich systematisch den schriftlichen, umfangreichen und vielfältigen Nachlass meiner Mutter. Die alten Dokumente verwandelten sich für mich in wertvolle private Archivalien. Denn neben den Lebenserinnerungen meiner Mutter versprachen sie mir, mir zusätzliche Antworten auf meine Fragen zu geben.
Quellenarbeit
Rückblickend bin ich selbst erstaunt, dass ich über sechzig Dokumente entdeckte, die in direktem oder indirektem Bezug zu den „Erinnerungen“ meiner Mutter stehen. Dabei habe ich die vielen Fotos nicht mitgezählt.
Ich erhob Daten, gewann Informationen und konnte so die Aussagen meiner Mutter belegen, ergänzen, differenzieren, vereinzelt korrigieren und vor allem abrunden.
Zu meinen Quellen zählten alte Fotoalben, Briefe, Postkarten, Poesiealben, Tage- und Notizbücher, Verträge, Urkunden, Zeugnisse, Bescheinigungen, Ausweise, Pässe und vieles mehr. Nachfolgend ein paar Beispiele.
Beispiel 1
Wenn ich in den alten Fotoalben blätterte, sah ich, woran sich meine Mutter erinnert hatte. Dank der vielen beschrifteten und datierten Fotos konnte ich das Bild, das sie in ihren „Erinnerungen“ gezeichnet hatte, erweitern und präzisieren.
Plötzlich nahm Erinnertes vor meinen Augen sichtbar Gestalt an. Namen erhielten Gesichter und Körper, veränderten und entwickelten sich über die Jahre – ebenso wie Orte und Lebensumfelder. Ich schaute genau hin. Dabei entdeckte ich spannende Kleinigkeiten, die mir manchmal erst auf den zweiten Blick auffielen.
Die Fotos dokumentieren nahezu die gesamte Zeitspanne von 1922 bis 1954, die meine Mutter in ihren Lebenserinnerungen beschreibt. Fast lückenlos. Mit wenigen Ausnahmen: Von der Flucht liegen keine Fotos vor. Und auch die ersten Jahre danach sind kaum dokumentiert. Hier greift hingegen eine andere Quelle.
Beispiel 2
Mehr als 40 Briefe und weit über 30 Postkarten entdeckte ich im mütterlichen Nachlass. Indem ich sie las, gab ich den Schreibern und Schreiberinnen erneut eine Stimme.
Mit Spannung hörte ich zu, was meine damals jugendliche Mutter, ihre Eltern und ihre Geschwister erzählten. Berührt lauschte ich, wie sie in ihrer jeweils eigenen Tonalität ihre Situation als Flüchtlinge und ihren Neuanfang fern von zuhause schilderten.
So sah ich schwarz auf weiß, wie unterschiedlich sie ihre damaligen Lebensumstände beschrieben. Vordergründig lebten sie in derselben Situation, doch ihre Berichte offenbarten individuelle Lebenswirklichkeiten.
Damit stellen die alten Briefe und Postkarten eine wertvolle Quelle und zugleich einzigartige, sehr persönliche Zeitzeugnisse dar. Sie ergänzen und bereichern die Lebenserinnerungen meiner Mutter auf eindringliche – manchmal sogar erhellende – Weise.
Beispiel 3
Weitere Archivalien unterschiedlichster Art und Inhalts ließen mich noch tiefer in die Lebenserinnerungen meiner Mutter eintauchen. Besonders freute ich mich, wenn ich aus beinahe unscheinbaren Schriftstücken neue, interessante Informationen erhielt.
Ein „Gedichte!“-Zettel
Da war etwa der kleine Zettel, den meine Mutter mit Bleistift in Sütterlin beschriftet hatte. Auf dem Zettel hatte sie eine Liste angelegt, die sie mit „Gedichte!“betitelt und darin 36 Gedichte thematisch geordnet notiert hatte.
Als ich die Zettel im Nachlass fand, fiel mir ein, dass sie in ihren „Erinnerungen“ davon berichtet, wie gerne sie bei Familienfesten für die Gäste gesungen oder Gedichte aufgesagt habe. Nun erfuhr ich, welche Gedichte sie besonders geschätzt hatte. Hätte sie sie sonst notiert?
Ein Bezugschein
Besonders aufmerksam wurde ich auch, als ich einen kleinen „Bezugschein für Spinnstoffwaren“in den Händen hielt. Er war am 16.11.1944 auf den Namen meiner Großmutter ausgestellt worden: für den Kauf eines „Trauerflors“.
Obwohl ich es nicht eindeutig belegen konnte, vermute ich, dass meine Großmutter Hedwig den Flor gekauft hatte, um ihrer Trauer um ihren Sohn Ausdruck zu verleihen. Wenige Wochen zuvor war Wilfried mit erst 19 Jahren im Krieg gefallen. Auch darüber und von seinem letzten Urlaub zuhause erzählt meine Mutter.
Eine Aussteuerliste
Mitte der 1950er Jahre bezogen meine frisch verheirateten Eltern ihr erstes gemeinsame Zuhause. Über diesen neuen Lebensabschnitt schreibt meine Mutter nur wenig.
Umso mehr freute ich mich, als ich ein loses Blatt Papier fand. Darauf hatte sie per Hand festgehalten, welche Haushaltsgegenstände sie und mein Vater für ihr neues Leben benötigt und angeschafft hatten.
Dank der langen Liste bekam ich einen kleinen Einblick, wie sich meine Eltern zu Beginn ihrer langen Ehe eingerichtet hatten.
Aufgelistet sind u. a. ein „Durchschlag“ und ein „Kuchenrädchen“. Utensilien, die mir meine Mutter viele Jahre später schenkte, als ich von zuhause auszog. Seither halte ich Durchschlag und Kuchenrädchen in Ehren. Immer, wenn ich eines der beiden nutze, denke ich an sie. Nicht jedes Mal. Aber immer wieder.
Beispiel 4
Schließlich überprüfte und erweiterte ich mithilfe der vielen „offiziellen“ Dokumente einige Aussagen meiner Mutter. So lieferten mir beispielsweise Ausweise, Stammbücher, Urkunden und Zeugnisse konkrete Daten und Informationen – etwa zu Geburts- und Sterbedaten einzelner Familienmitglieder, ihren Wohnorten, Ehen, Berufen oder ihrer Mitgliedschaft in Vereinen und Organisationen.
Meine Reise geht weiter
Die Spurensuche hat mir viel Freude bereitet. Doch sie ist längst nicht abgeschlossen. Meine Fragen konnte ich teilweise beantworten. Gleichzeitig tauchen neue Fragen auf.
Ich werte weitere Quellen aus. Forsche in öffentlichen Archiven. Aber das ist ein anderes Thema – und wird sicherlich Gegenstand eines neuen Blogartikels werden.
Lebenserinnerungen im neuen Gewand
Übrigens, die Ergebnisse meiner Recherche habe ich verschriftlicht. Sie ergänzen die Lebenserinnerungen meiner Mutter. Aus ihrem Spiralheft ist so ein Buch entstanden.
Die „Erinnerungen“ meiner Mutter stehen darin unverändert im Mittelpunkt. Jedoch sind sie nun eingebettet in ein Vor- und Nachwort. Abbildungen alter Familienfotos und eine kleine Auswahl weiterer aussagekräftiger Archivalien bebildern ihre Worte. Am Ende rundet ein umfangreicher Anhang mit Anmerkungen, Dokumentenlisten, Literatur- und Quellenverzeichnissen das Werk ab.
„Erinnerungen“ ziehen Kreise
Das Interesse an den von mir überarbeiteten und herausgegebenen Lebenserinnerungen meiner Mutter ist groß. Sowohl in unserer Familie als auch in unserem Freundeskreis.
Besonders berührt mich, dass Inges Enkelin Maren dieses Buch bewusst so aufbewahrt, dass sie es tagtäglich vor Augen hat: Sie kann es jederzeit zur Hand nehmen und darin lesen. In Erinnerung an ihre „Oma Inge“. Von der sie ihren Kindern, Inges Urenkeln und Urekelinnen, erzählt.
Mein Wunsch als Lebensarchivarin
Falls Sie auf familiärer Spurensuche sind, möchte ich Sie ermutigen: Sprechen Sie mit Ihren Angehörigen über Ihre Familiengeschichte – fragen Sie, solange dies möglich ist.
Ebenso empfehle ich Ihnen, die alten Dokumente Ihrer Familie systematisch und aufmerksam zu sichten und bestenfalls zu archivieren. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für die, die nach Ihnen kommen.
Denn selbst scheinbar belanglose Belege können spannende Einblicke in das Leben Ihrer Ahnen und Ahninnen geben. Wie auch ein Blick in eine unscheinbare Kladde aufschlussreiche Überraschungen bereithalten mag: Von kleinen Alltagsnotizen bis hin zu den bewusst festgehaltenen Lebenserinnerungen oder Lebensgeschichten eines Familienmitglieds.
Vielleicht fühlen Sie sich inspiriert, Ihre eigenen Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Für sich selbst und schließlich für Ihre Nachkommen. So wie es vor über zwei Jahrzehnten meine Mutter getan hat.
Kontaktaufnahme
Brauchen Sie auf Ihrer Ahnenforschungsreise Unterstützung? Dann nehmen Sie gerne Kontakt mit mir auf. Ich begleite Sie sehr gern auf Ihrem Weg.
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