
Ein altes Notizbuch: Vom Können und Wollen, Sütterlin zu lesen
Manchmal liegt es nicht daran, dass wir ein altes Dokument nicht lesen, weil wir es nicht können, sondern weil wir es nicht wollen.
Genau das ist mir passiert. Nicht mir, der Lebensarchivarin Dr. Kirsten Ulrike Maaß, die mit Freude und professionellem Abstand für Kundinnen und Kunden Schriftstücke aus dem Sütterlin oder dem Kurrent „übersetzt“.
Sondern mir, Kirsten, der Privatperson. Spontan hatte ich mich in diesem einen Fall gegen das Sütterlin-Lesen entschieden – und war selbst von meiner Reaktion überrascht. Umso länger dachte ich über das Erlebte und meine Entscheidung nach.
Gerne teile ich in diesem Blogartikel meine Gedanken mit Ihnen. Denn ich gehe davon aus, dass vielleicht auch Sie schon einmal gezögert oder Sie sich – wie ich – dagegen entschieden haben, eine alte private Archivalie lesen zu wollen.
Was Sie in diesem Artikel erwartet
Zur Einstimmung möchte ich Ihnen erzählen:
- um was für ein Dokument es sich handelt,
- wie es zu mir kam,
- warum ich mich dazu entschlossen habe, es – noch – nicht zu lesen.
Anschließend reflektiere ich meine Erfahrung. Allerdings nicht als Psychologin oder Coachin. Vielmehr gebe ich meinen persönlichen Blick auf das Geschehene und erzähle von meinem persönlichen Umgang damit.
Und wer weiß, vielleicht erkennen Sie sich in meiner Geschichte wieder und merken, dass Sie nicht allein sind. Auch das ist Ziel dieses Artikels.
Zu guter Letzt erhalten Sie eine konkrete Anleitung in sechs Schritten, die Sie achtsam auf den Prozess des Lesens alter Dokumente vorbereitet und hindurchführt. So, dass Sie am Ende nicht überfordert, sondern bereichert daraus hervorgehen.
Ein weiteres Dokument für unser Familienarchiv
Vor wenigen Wochen vertraute mir meine Cousine Frauke ein altes Notizbuch an. Wie sie sagte, gehörte es ihrem Vater Werner. Er war der ältere Bruder meiner Mutter und somit mein Onkel.
Als Frauke mir das kleine Büchlein übergab, erklärte sie, dass sie die Handschrift ihres Vaters nur teilweise lesen könne. Als „Lebensarchivarin“ unserer Familie sei es daher bei mir gut aufgehoben.
Für den Transport hatte Frauke das Buch schützend eingepackt. Daher war ich sehr gespannt, als ich das Buch zuhause aus der Verpackung nahm, es erstmals sah und schließlich in den Händen hielt.
Ein kleines Büchlein
Es ist ein etwa Din-A5-großes Buch. Sein ehemals mehrfarbiger Umschlag ist ausgeblichen und weist starke Gebrauchsspuren auf. Da die vordere Umschlagseite zudem leicht beschädigt ist, konnte ich den Titel nicht entziffern. In den Buchrücken ist die Jahreszahl „1920“ geprägt.
Als ich das Büchlein vorsichtig aufschlug, las ich, dass es sich um „Trowitzschʾs Notizkalender für 1920“ handelt. Darüber, dass der Kalender somit drei Jahre älter als Werner war, machte ich mir in diesem Augenblick keine Gedanken.
Notizen, Skizzen, Ginkoblätter
Vorsichtig blätterte ich Seite für Seite weiter, um mir einen ersten Eindruck von Werners Handschrift zu machen. Sofort erkannte ich, dass Werner vor allem in Sütterlin, teilweise auch in Latein geschrieben hatte. Ich würde seine Handschrift recht gut lesen können.
Beim ersten Durchblättern fiel mir weiter auf, dass Werner seine Notizen zwischen 1936 und 1945 geschrieben hatte. Was hatte er wohl notiert? Würde ich weitere Puzzleteile entdecken, die unsere Familiengeschichte vervollständigen würden?
Doch bevor ich ein wenig querlesen wollte – mal hier, mal da – schaute ich mir die kleinen Skizzen diverser Segelschifftypen und internationale Länderflaggen an. Werner hatte sie auf den ersten Buchseiten gezeichnet.
Ich freute mich darüber. Werner war bereits in jungen Jahren ein begeisterter Segler und Entdecker gewesen, der auf dem Wasser zuhause war. Ich dachte an den großen Garten der Familie, mit Bootshaus und Bootsanlieger, von wo aus er und sein Bruder Wilfried so oft „in See gestochen“ waren.
Und was machten die getrockneten Ginkoblätter zwischen den Seiten? Ich war gespannt.
Ein Satz
In dieser beschwingten Stimmung schlug ich das Buch irgendwo in der Mitte auf, las einen Satz, hielt einen Moment inne – und schlug es zu. Geradezu reflexartig. Dann legte ich es still beiseite. Ich war nicht darauf gefasst, was Werner dort geschrieben hatte. Dabei hatte ich nur wenige seiner Worte gelesen.
Ich brauchte einen Moment, um mich zu fassen. Wie war das möglich? Etwas Ähnliches war mir noch nie zuvor passiert.
Als junger Soldat in Russland
Dabei fiel mir ein, was Frauke mir mit auf den Weg gegeben hatte, als sie mir das Buch ihres Vaters überreichte: Ihr Vater habe auch über Russland geschrieben.
1942 wurde Werner als Soldat einberufen. Nach seiner Grundausbildung musste er nach Russland gehen. Nur wenige Monate später, im eiskalten Winter 1943, wurde er dort verwundet und mit schwersten Erfrierungen aus der Wehrmacht entlassen. Er war 19 Jahre alt.
Ich wusste von Werners Schicksal. Zumindest ein wenig. Meine Mutter hatte davon erzählt und andeutungsweise auch in ihren Lebenserinnerungen darüber geschrieben. Doch was Werner in Russland tatsächlich erlebt hatte, blieb mir verborgen.
Überfordert sein
Jahrzehnte später gab Werner mir einen klitzekleinen Einblick in seine Erlebnisse, als ich seine Worte las. Sie trafen mich ohne Vorwarnung und erschütterten mich zutiefst. In diesem Moment wusste ich mir keinen anderen Ausweg aus der Situation, als das Buch zuzuklappen und wegzulegen.
Nachdenken
Im Nachhinein und mit etwas Abstand wurde mir bewusst, dass ich Werners Notizen über seine Kriegserlebnisse als junger Soldat in Russland nicht zwischendurch hätte lesen sollen. Auch nicht nur ein paar Zeilen. Dafür ist das, über was er geschrieben hat, ein viel zu großes, komplexes und schwieriges Thema.
Sowohl russische als auch deutsche Soldaten erlebten an der sogenannten „Ostfront“ unter extremen Bedingungen unvorstellbare Grausamkeiten und unvorstellbares Leid. Werner war einer von ihnen. Ein Zeitzeuge, der nicht auf dem Schlachtfeld gestorben, sondern zurückgekommen ist.
Die Amputationen seiner beiden erfroren Füße waren unübersehbare, körperliche Wunden. Als Folgen des Krieges bezeugten sie stumm, was er im 2. Weltkrieg in Russland durchlebt hatte. Dafür braucht es keine Worte mehr. Die hatte Werner zuvor in sein Notizbuch geschrieben.
Wernes Notizbuch – ein persönliches Zeitzeugnis
Heute warten seine Aufzeichnungen darauf, als eindringliches persönliches Zeugnis, gelesen und gehört zu werden. Um zu verstehen, was beinahe nicht zu verstehen ist.
Und dennoch ist das Unvorstellbare Teil der Lebensgeschichte meines Onkels. Er war der Bruder meiner Mutter. Der Sohn meiner Großeltern. Sie, meine Vorfahren und Vorfahrinnen, und ich sind Mitglieder einer Familie. Ich möchte meine Familiengeschichte kennenlernen. Auch das bisher Unausgesprochene. Schmerzliche. In der Hoffnung, Antworten auf mein eigenes Leben zu finden, und mit dem Wunsch, dass etwas heilt, wenn wir es betrachten und beachten.
Sütterlin lesen wollen
Daher werde ich Wernes Notizen aus dem Sütterlin „übersetzen“. Nicht, weil ich es kann, sondern weil ich es nun bewusst will. Weil ich bereit bin, mich dem zu stellen, was er geschrieben hat. Diesmal werde ich mir Zeit nehmen und vorbereitet sein. Ich werde Werners Aufzeichnungen lesen und Wort für Wort übertragen. Aber vor allem erlaube ich mir, innezuhalten, wenn es mir zu viel wird.
Im Anschluss werde ich mich mit Frauke austauschen. Schließlich war sie es, die mir das alte Notizbuch ihres Vaters anvertraut hat. Dabei bin ich mir beinahe sicher, dass wir nicht nur über schmerzhafte, sondern auch über schöne Erkenntnisse sprechen werden. Vielleicht sogar über solche, die uns überraschen und uns sogar zum Schmunzeln bringen.
Auseinandersetzen
Meine Geschichte zeigt deutlich: Das Lesen alter Dokumente ist mehr als das Entziffern historischer Handschriften wie Kurrent und Sütterlin. Es bedeutet auch Auseinandersetzung mit dem Geschriebenen. Unerwartete Gefühle können geweckt werden und Fragen aufkommen. Auch solche, die unbequem sind.
Sich auf das Lesen vorbereiten
Daher möchte ich Ihnen empfehlen, sich auf den Prozess des Lesens alter Briefe, Tagebücher etc. bewusst vorzubereiten. Gerne gebe ich Ihnen nachfolgend ein paar hilfreiche Tipps.
Ihr Wegweiser: Alte Dokumente achtsam lesen
Schritt 1: Fragen Sie sich: Bin ich bereit?
Ein altes Dokument zu lesen, bedeutet, bereit zu sein, auch Überraschendem und Unerwartetem zu begegnen. Das kann hoch interessant und spannend, aber auch tief berührend, sogar schmerzhaft sein.
Daher fragen Sie sich vorab, ob Sie bereit sind, sich auch schwierigen, vielleicht belastenden Themen zu stellen.
Falls Sie zögern, vertrauen Sie Ihrem Gefühl. Vielleicht ist es für Sie stimmiger, das Dokument morgen, übermorgen oder überhaupt nicht zu lesen. Das ist in Ordnung und ein Zeichen Ihrer Selbstfürsorge.
Schritt 2: Nehmen Sie sich Zeit – ohne Ablenkung.
Haben Sie sich entschieden, das Dokument zu lesen, nehmen Sie sich bewusst Zeit für diesen Prozess. Lesen Sie es nicht nebenher. Achten Sie darauf, dabei nicht gestört zu werden.
Schritt 3: Erschließen Sie den Kontext.
Wenn möglich, klären Sie vor dem Lesen, wer das Dokument wann, wo, vielleicht an wen, aus welcher Situation und welchem Anlass geschrieben hat.
Die Beantwortung der Fragen hilft Ihnen, das Geschriebene in einen historischen, sozialen, aber auch familiären Kontext zu stellen und besser zu verstehen.
Schritt 4: Machen Sie sich mit dem Dokument vertraut.
Und dann schauen Sie sich das Dokument genau an. Weist es äußere Gebrauchsspuren auf? In welchem Zustand befindet sich das Papier?
Ist der Text in einer historischen Handschrift geschrieben? Etwa in Kurrent oder Sütterlin?
Handelt es sich um eine saubere, flüssige, gut lesbare Handschrift? Ist der Text möglicherweise schnell notiert worden?
Weist die Handschrift Eigenheiten auf? Zum Beispiel Buchstaben, die besonders ausgeformt sind?
Indem Sie sich auf diese Weise mit dem Dokument vertraut machen, bekommen Sie auch ein erstes Gefühl für den Schreiber oder die Schreiberin.
Schritt 5: Lesen Sie in Ihrem Tempo – und notieren Sie Ihre Gedanken.
Sollten Sie beim Lesen langgesuchte Informationen finden, auf Ungereimtheiten oder andere wichtige Passagen stoßen, notieren Sie sich die betreffenden Stellen. So können Sie diese zu einem später Zeitpunkt leicht wiederfinden. Das ist insbesondere dann wichtig, wenn das Dokument umfangreich ist.
Und schließlich lesen Sie das Dokument in Ihrem Tempo. Legen Sie Pausen ein, um zu reflektieren.
Vielleicht tut es Ihnen gut, erste Eindrücke festzuhalten, Ihre Gedanken zu Papier zu bringen oder Ideen für Ihr weiteres Vorgehen zu notieren.
Schritt 6: Tauschen Sie sich aus.
Ebenso wohltuend kann es sein, mit einer vertrauten Person über das Dokument zu sprechen, sobald sie es vollständig gelesen haben. Insbesondere, wenn sie das Gelesene sehr bewegt hat, und sie das Erlebte teilen möchten.
Denken Sie daran:
Es geht nicht um Perfektion, sondern um Ihre Art, mit alten Dokumenten umzugehen. Es geht um Ihr Tempo, um Ihre Grenzen und um Ihre Bereitschaft – und die ist genau richtig.
Als Lebensarchivarin an Ihrer Seite
Wenn Sie auf familiärer Spurensuche sind, möchte ich Sie ermutigen, die alten privaten Dokumente Ihrer Vorfahren und Vorfahrinnen zu lesen – selbstverständlich gut vorbereitet.
Falls Sie Unterstützung beim Entziffern historischer Handschriften wie Kurrent oder Sütterlin brauchen oder jemanden, der Ihnen hilft, die Worte Ihrer Vorfahren und Vorfahrinnen zu verstehen – ich bin für Sie da.
Als Lebensarchivarin übertrage ich professionell Briefe, Tage- und Notizbücher etc. in unsere heutige Schrift.Dabei nehme ich als „stille Zuhörerin“ im Hintergrund eine neutrale Haltung ein. Selbstverständlich gehe ich vertrauens- und respektvoll vor.
Melden Sie sich gerne bei mir. Ich freue mich darauf, Sie zu begleiten.
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